Shopping scheint für etliche Zeitgenossen eine freizeitfüllende Beschäftigung zu sein. Black Friday, Cyber Monday und nun naht das Konsumfest Weihnachten. Auch wenn der schnöde Schlussverkauf noch etwas hin ist, locken bereits Rabatte. 70, 50, 30 Prozent. Die Gelegenheit ist günstig, um sich ein Schnäppchen zu gönnen. Schöne Dinge, die Freude machen und Nützliches für den Alltag. Aber was ist, wenn die schicken Stiefelchen Zuhause noch nicht einmal ausgepackt werden, das trendige Smartphone seinen Reiz verliert sobald es in der eigenen Tasche steckt? Was ist los, wenn es beim Shopping kein Halten mehr gibt, obwohl das Konto blank ist?
Getrieben von einer unsichtbaren Macht
Ihr Herz pochte, ihre Hände schwitzen, ihr war schwindelig. Wie in Watte gepackt streifte sie stundenlang durch die Geschäfte in der City. Sie kaufte schicke Kleidung, Schuhe, Gürtel, Taschen, Bücher, Wein, Töpfe, Messer. Sie kaufte viel, sie kaufte teuer. Die Verkäuferinnen in den Boutiquen waren zuvorkommend und freundlich, begrüßten ihre gute Kundin mit einem Gläschen Sekt, plauderten mit ihr. Sieglinde Zimmer-Fiene fühlte sich wohl, sie war glücklich, aber ihre Freude an den gekauften Schätzen hielt nicht lange an. „In meiner schlimmsten Zeit musste ich mehrmals am Tag los“, sagt die Sechzigjährige. Dann ging sie erneut auf Tour. Sie habe sich gefühlt wie auf einem „Viehtrieb“. Sie war das „Vieh“, willenlos getrieben von einer unsichtbaren Macht, von dem „Teufel der Kaufsucht“.
Sieglinde Zimmer-Fiene wurde fast 25 Jahre diesem Teufel beherrscht. Sie ist die erste Kaufsüchtige, die sich vor fünfzehn Jahren in Deutschland öffentlich zu ihrer Sucht bekannte. Einer Sucht, die bis heute nicht als psychische Krankheit anerkannt ist. Die Betroffenen finden kaum Therapieangebote. Diese Erfahrung machte auch Zimmer-Fiene. Sie rutschte in die Kaufsucht nach dem Tod ihres Ehemannes ab. Mit knapp 30 Jahren musste die Witwe für ihre zwei Töchter sorgen. Sie war einsam, hatte Angst, wollte alles richtig machen. Mit dem Kaufen füllte sie eine innere Leere, das Kaufen versprach Anerkennung, sie wurde gesehen. Also kaufte sie immer mehr. Irgendwann sperrte die Bank ihr Konto, ihr Lohn wurde gepfändet, der Schuldenberg wuchs. Sie log ihre Familie an, ihre Eltern drohten damit, ihr die Kinder wegzunehmen. Sie wurde straffällig, das Gericht wies sie in die Forensische Psychiatrie ein. Begründung: Sie sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. Während ihrer Freigänge kaufte sie weiter. Meine Krankheit, sagt Zimmer-Fiene, hat niemand erkannt. Sie hasste sich selber, niemand vertraute ihr noch. Nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie nahm Zimmer-Fiene ihr Schicksal selber in die Hand. Sie gründete „Lindes Selbsthilfegruppe Kaufsucht“. 15 Jahre ist das her. Einmal in der Woche trifft sie sich mit anderen Kaufsüchtigen. Zwischen zehn und 20 Betroffene, sagt Zimmer-Fiene, kommen zu den Gruppensitzungen. Und bis zu zehn, meist anonyme Anrufe erreichen sie in ihrer telefonischen Beratung, die sie zweimal pro Woche anbietet.
Kaufsüchtige gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten
Von der Putzfrau bis zur Ärztin, vom Fliesenleger bis zum Rechtsanwalt. Zimmer-Fiene hat sogar schon einen Vortrag in einem Pflegeheim gehalten. „Viele Seniorinnen und Senioren verdösen den Tag vor dem Fernseher und gucken Shopping-Sendungen. Dann wird bestellt, die Pakete werden geliefert, das Zeug nicht gebraucht und in den Zimmern der Bewohner gestapelt“, erklärt Zimmer-Fiene. Wenn Angehörige das Kaufverhalten kritisierten, bekämen diese von ihren Verwandten oft als ‚Trost‘ zu hören: „Das wirst du doch später alles mal bekommen“.
Etwa fünf bis acht Prozent der Menschen in Deutschland gelten als kaufsüchtig, Tendenz steigend. Eine Forschergruppe an der Universität Hohenheim nahm bereits im Jahr 1991 die Kaufsucht unter die Lupe. In einer als repräsentativ geltenden Studie fanden sie heraus, dass fünf Prozent der Erwachsenen in Westdeutschland und ein Prozent in Ostdeutschland als „stark kaufsuchtgefährdend“ bezeichnet werden konnten. In den westlichen Bundesländern galten noch 20 Prozent als „deutlich kaufsuchtgefährdet“, in den östlichen Bundesländern waren es 13 Prozent. Im Jahr 2001 wiederholte die Forschergruppe die Untersuchung. Sie stellten sowohl eine deutliche Zunahme der Kaufsüchtigen fest, insbesondere in den östlichen Bundesländern, als auch eine Angleichung von West und Ost. Im Westen waren laut Studie rund acht Prozent der Bevölkerung kaufsüchtig, im Osten mehr als sechs Prozent. Die Hohenheimer Studie von 2001 stellte fest, dass jedoch mehr Menschen mit mittlerer und guter Bildung sowie Bezieher von niedrigem Einkommen kaufsuchtgefährdend seien. Außerdem seien mehr Frauen (Klamotten) als Männer (Technik) betroffen und eher Jüngere als Ältere.
Das Internet: Paradies und Hölle für Kaufsüchtige
Seit einigen Jahren wird die Kaufsucht vom Internet zusätzlich befeuert. Laptop, Smartphone oder Tablet: Online-Shopping ist 24 Stunden am Tag von Montag bis Sonntag möglich. „Es gibt keine soziale Kontrolle. Jeder kann anonym und unbeobachtet im Internet einkaufen, auch Minderjährige, Berufstätige am Arbeitsplatz und Betrunkene“, sagt Astrid Müller, Psychologin in der Medizinischen Hochschule Hannover. Shopping-Spiele für Mädchen seien auf dem Vormarsch.
Suchtshoppen lenkt von Problemen ab
Müller arbeitet seit vielen Jahren zum Thema Kaufsucht, bietet Gruppentherapien für Betroffene an. Das pathologische Kaufen lenke Betroffene von ihren Problemen ab, führe kurzfristig zu einer Stimmungsverbesserung, stärke das Selbstwertgefühl. Negative Folgen ihres Tuns würden Kaufsüchtige ausblenden. Nach dem Kauf oder der Warenlieferung stelle sich bei dem Betroffenen oftmals ein schlechtes Gewissen ein. Sie verstecken die Dinge, öffnen die Pakete nicht. Das Ziel der Gruppentherapie ist, dass die Betroffenen verstehen, welche Gefühle, Gedanken und Verhaltensmuster sie zum Kaufen verleiten und sie in die Lage zu versetzen, den Attacken künftig besser ausweichen zu können.
Es gibt wesentlich mehr Kaufsüchtige als angenommen, weiß Sieglinde Zimmer-Fiene. Aber die Betroffenen würden sich für ihre Sucht schämen und machten deshalb ihr Leiden nicht öffentlich. Aber Hilfe ist möglich. “Hinfallen, aufstehen, Krone richten und wenn es nötig ist, eine Therapie machen”, sagt Zimmer-Fiene. Seit rund fünf Jahren habe sie keinen Rückfall mehr gehabt.
Mehr Informationen zur Kaufsucht und Hilfeangeboten unter www.kibis-hannover.de.
Kontakt zur Selbsthilfegruppe von Sieglinde Zimmer-Fiene unter www.kaufsuchthilfe.de.
Zur Info: Diesen Text habe ich im Januar 2017 geschrieben.
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